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130. Deutscher Ärztetag: Sparpolitik gefährdet die Gesundheitsversorgung

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Der 130. Deutsche Ärztetag hat deutlich gemacht, woran das deutsche Gesundheitswesen krankt: Es fehlt nicht an Erkenntnissen, sondern am politischen Willen zu echten Reformen. Während die scheidende Bundesgesundheitsministerin Nina Warken weiterhin auf Sparmaßnahmen setzt, warnte die Ärzteschaft eindringlich vor den Folgen einer Politik, die kurzfristige Kostendämpfung über eine nachhaltige Gesundheitsversorgung stellt.

Bundesärztekammerpräsident Klaus Reinhardt bezeichnete das geplante GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz treffend als Spargesetz statt Reformgesetz. Angesichts des Fachkräftemangels, überlasteter Praxen und Kliniken sowie einer alternden Bevölkerung braucht das Gesundheitswesen endlich strukturelle Reformen und keine weiteren Kürzungsprogramme. Positiv bleibt immerhin die angekündigte Umsetzung der neuen GOÄ und der Approbationsordnung.

Ein Schwerpunkt des Ärztetages war die dramatische Lage der Suchtmedizin. Experten forderten einen grundlegenden Kurswechsel hin zu einer wissenschaftlich fundierten Sucht- und Drogenpolitik. Die geplante Schließung einer der wenigen spezialisierten Kliniken für suchtkranke Kinder und Jugendliche sowie der kontinuierliche Rückgang der Substitutionsmedizin zeigen, wie weit Anspruch und Realität inzwischen auseinanderliegen. Der Ärztetag fordert deshalb mehr Prävention, den Ausbau der Suchthilfe und eine konsequente Entstigmatisierung von Suchterkrankungen.

Auch die ärztliche Weiterbildung steht unter massivem Druck. Personalmangel, wirtschaftliche Zwänge und hierarchische Abhängigkeiten gefährden die Ausbildungsqualität. Der Ärztetag fordert verbindliche Qualitätsstandards und eine auskömmliche Finanzierung der Weiterbildung – Forderungen, die seit Jahren bekannt sind, politisch jedoch kaum vorankommen.

Neben diesen kritischen Themen fasste der Ärztetag wichtige Beschlüsse: Die erste Kopie der Patientenakte soll künftig kostenfrei sein, Telemedizin wird ausdrücklich als Bestandteil ärztlicher Niederlassung anerkannt und der Einfluss reiner Finanzinvestoren auf Arztpraxen soll begrenzt werden.

Ein starkes Signal setzten Medizinstudentinnen der Bundesvertretung der Medizinstudierenden (bvmd), die auf dem Deutschen Ärztetag von sexualisierten Übergriffen berichteten. Ihre Schilderungen lösten eine längst überfällige Debatte über Machtmissbrauch, Diskriminierung und sexualisierte Gewalt im Gesundheitswesen aus. Als Konsequenz wurden verbindliche Verhaltenskodizes, Awareness-Konzepte und unabhängige Vertrauenspersonen beschlossen. Der 131. Deutsche Ärztetag 2027 in Wiesbaden wird das Thema „Machtmissbrauch, sexualisierte Gewalt und Diskriminierung“ zu seinem zentralen Schwerpunktthema machen.

Mein persönliches Fazit

Der 130. Deutsche Ärztetag hat viele der drängendsten Probleme unseres Gesundheitswesens klar benannt. Eine der großen Herausforderungen bleibt für mich die Qualität der ärztlichen Weiterbildung. Zwischen Personalmangel, hoher Arbeitsbelastung und starren Hierarchien leidet eine strukturierte Ausbildung. Besonders alarmierend ist, dass teilweise Kompetenzen bestätigt werden, die nie ausreichend vermittelt wurden. Deshalb brauchen wir verbindliche Qualitätsstandards, eine regelmäßige Evaluation der Weiterbildungsbefugten, eine auskömmliche Finanzierung der Weiterbildung im stationären Bereich sowie ein konsequentes Vorgehen gegen Machtmissbrauch und Abhängigkeitsverhältnisse.

Gesundheitspolitisch darf es kein „Weiter so“ geben. Die Notfallreform muss endlich ins Parlament. Ebenso brauchen wir wirksame Verhältnisprävention: ein Verbot von Tabak- und Alkoholwerbung, eine Zuckerabgabe bei gleichzeitiger steuerlicher Entlastung gesunder Lebensmittel sowie – wie vom Deutschen Ärztetag empfohlen – ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige. Und die großen Strukturreformen müssen vor Sparmaßnahmen angegangen werden.

Die Schwerpunkte Suchtmedizin und Weiterbildung waren richtig gewählt. Mit den Beschlüssen gegen Machtmissbrauch und Diskriminierung wurde zudem ein wichtiger Grundstein gelegt, auf dem der 131. Deutsche Ärztetag 2027 in Wiesbaden aufbauen muss.

Bericht des Hessischen Ärzteblattes über den DÄT: Juli/August 2026

Beschlussprotokoll: Beschlussprotokoll des 130. Deutschen Ärztetages 2026